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Der Prinz

(A herceg)

 

 

(S. 2-4) Seine Mutter zeigte sich an diesem Tag in einer merklich besseren Verfassung, als noch in den letzten Tagen. Marc wußte jedoch, daß dies lediglich eine trügerische, vorübergehende Besserung war, welche das bevorstehende Ende einleiten sollte. Er wußte es, weil Dr. Mendez auf alle seine die Krankheit betreffenden Fragen offen und gewissenhaft eingegangen war.

Und natürlich wußte es auch seine Mutter.

Ärgerlich”, sagte sie zu ihrem Sohn, als dieser vorsichtig die mitgebrachten Äpfel und Bananen auspackte, von denen, wie er gut wußte, seine Mutter schon wieder keinen Bissen anrühren würde, sondern alles an ihre mit weniger Glück gesegneten Zimmergenossen verteilen würde, die von niemandem besucht wurden. „Ärgerlich, daß ich mich geschlagen geben muß. Das ist nicht meine Art. Verdammt auch... Das ist nun wirklich nicht mein Metier!”

In der Tat war dies nicht Rose Corbins Metier. Es entsprach doch nun wirklich nicht ihrer Art, daß sich von etwas Bauchschmerzen, die vor ein paar Monaten begonnen hatten und denen sie keine besondere Beachtung geschenkt hatte, bis ihr Bauch fast schon die Ausmaße eines Luftballons annahm, herausstellte, daß es sich um Eierstockkrebs handelte. Und als die Diagnose letztlich feststand, war der Krankheitsprozeß bereits nicht mehr aufzuhalten – wie es so schön heißt. Mrs. Corbin brach nicht zusammen. Sie fiel nicht in Verzweiflung. Sie versank nicht in Depressionen.

Sondern sie geriet in Rage.

Marc betrachtete den ausgemergelten Körper seiner Mutter. Ihre eingefallenen Augen, ihr einstmals dichtes, kohlrabenschwarzes Haar, welches nun matt und dünn von ihr herabfiel, das gelbliche, pergamentartige Gesicht, in welchem nur noch das große Augenpaar lebte, in welchem tiefe Feuer tobten. Er hätte die Möglichkeit gehabt, seine Mutter aus dem St. Borbála-Krankenhaus zu holen und an einen besseren Ort zu bringen, doch von dergleichen wollte Rose Corbin nichts hören. Ihr ganzes Leben lang schon hatte sie sich von Werten wie sozialer Verantwortung oder sozialer Gerechtigkeit leiten lassen. Nicht ohne Grund hatte sie an der Rutgers in Soziologie promoviert und nicht ohne Grund widmete sie ihr Leben gänzlich der Fürsorge – oftmals, indem sie Arbeiten verrichtete, welche in Bezug auf ihr Niveau deutlich unterhalb ihres Abschlusses waren.

Wisch Dir dieses Mitleid aus dem Gesicht, mein Junge”, sagte sie zu Marc, als ob dieser nicht etwa zweiunddreißig, sondern immer noch fünf Jahre alt wäre. „Es gibt keinen Grund, solch eine Miene aufzusetzen”, sagte sie streng. Ein Lächeln zeigte sich auf Marcs Gesicht, und er zog den kleinen, dreibeinigen Plastikhocker näher an das Bett seiner Mutter heran. Auf dem Nachbarbett wälzte sich eine dürre, kahle Frauengestalt hin und her, die den Eindruck einer mindestens Hundertjährigen machte, von der Marc jedoch zufälligerweise wußte, daß sie gerade einmal knappe vierzig Lenze zählte. In der Ecke döste ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, mit zur Seite geneigtem Kopf vor sich her, während langsam die Infusion in ihren Arm tropfte. Das vierte Bett war leer.

Sally haben sie gestern auf die Intensivstation gebracht.” Rose Corbins Blick folgte dem ihres Sohnes. „Sie ist ins Koma gefallen”, erklärte sie nüchtern. „Nun, mein Junge, was gibt es da draußen neues?”

Mrs. Corbin erkundigte sich bei jeder Gelegenheit so nach dem Laufe der Welt, als wollte sie nichts davon versäumen. Sobald sie hier nämlich herauskäme, wollte sie über alles im Bilde sein. Marc pflegte ihr öfter ein paar Zeitungen mitzubringen, welche er dann akkurat auf dem Nachtschränkchen seiner Mutter plazierte. Zum Zeitpunkt seines jeweils nächsten Besuches waren sie dann gewöhnlich spurlos verschwunden. Er fragte nie nach, welches Los ihnen beschieden war. Er glaubte jedoch nicht, daß seine Mutter sie wirklich durchlas. Zwar war Rose' Interesse an allem, was sie umgab, noch sehr lebhaft, die Geduld jedoch, oder vielmehr die Kraft, die Informationen auch aufzunehmen, war ihr bereits abhanden gekommen.

Geht es Marcie gut?”, fragte sie munter.

Ja”, brummte Marc, und fügte noch still in Gedanken ein „Vielleicht” hinzu. Er zog es lieber vor, nicht zu erwähnen, daß sich Mutters geliebte, rotbraune Katze aus dem Staub gemacht hatte. Zumindest hatte sie sich in den letzten drei Tagen nicht blicken lassen, was der junge Mann übrigens herzlich wenig bedauerte. „Ich habe mit Evelyn gesprochen”, sagte er, um das Thema zu wechseln. „Es geht ihr prima. Sie wird dich bald besuchen.”


(S. 40-41) Er zuckte zusammen, als Evelyn von hinten ihre Hand auf seine Schulter legte.

Marc... es sind nun schon fast alle gegangen. Würdest du mich deinen Freunden vorstellen?”

Er kam wieder zu sich, so, als wäre er aus einem Traum erwacht. Es schlenderten nur noch einige wenige in der Teestube herum; nur ein vier- bis fünfköpfiges, kleines Grüppchen unterhielt sich noch gedämpft an der Theke. Lou sammelte die Gläser ein und schleppte sie zur Spüle.

Ja, natürlich.” Er stand auf und stellte seine jüngere Schwester und das sonderbare Pärchen einander vor. Den Namen der betagten Indianerin kannte er nicht; er stellte die beiden lediglich mit „Miss Bluestream und ihre Urgroßmutter” vor. Evelyn reichte beiden Frauen unbefangen und freundlich die Hand.

Vielen Dank, daß Sie gekommen sind. Kannten Sie unsere Mutter gut?”

Die Wahrheit ist, daß wir nur Ihren Bruder kennen”, gestand Naomi Bluestream ein wenig verlegen. „Wir haben uns beim Krankenhaus getroffen, als diese... als die Schießerei passiert ist. Wir sind Mr. Corbin zu großem Dank verpflichtet.”

Oh mein Gott!” Evelyns Gesicht verfinsterte sich. „Das muß ein schreckliches Erlebnis gewesen sein. Auf jeden Fall ist es schön, Miss Bluestream, daß Sie hier sind. Wirklich toll, daß Sie Ihre Urgroßmutter mitgebracht haben.” Sie wandte sich an die Indianerin: „Dürfte ich Sie nach Ihrem Namen fragen?” Zu Marcs Überraschung zeichnete sich in ihren Augen der Anflug eines Lächelns ab. Etwas besorgt erwartete er eine neuere von Nanos imposanten Offenbarugnen. Die Frau jedoch verharrte in Schweigen, wandte lediglich ihren Blick in Richtung Naomis.

Sie spricht kein Englisch”, sagte das Mädchen. „Und ob sie Englisch spricht”, knurrte Marc in Gedanken. Naomi fuhr schnell weiter fort: „Ihr amtlicher Name ist Mrs. Carlsson, aber alle nennen sie Nano. Und ihr indianischer Name ist Flüsterndes Wasser.”

Flüsterndes Wasser! Wie schön!”, entfuhr es Evelyn. „Und auch sie selbst ist sehr schön!”, fügte sie andächtig hinzu. Und Marc mußte ihr in Gedanken beipflichten – diese sechsundneunzigjährige, alte, indianische Dame war tatsächlich von einer nicht zu leugnenden Schönheit. Ihre Haltung strahlte Würde aus. Und ihr Gesicht war zwar mit Falten übersät, jedoch von regelmäßigen und edlen Zügen. Naomi huschte ein Lächeln über das Gesicht.


(S. 107-109) Erst, nachdem sie das Kinderheim verlassen hatten, schaltete Marc den Klingelton seines Mobiltelephons wieder ein. Er wollte nicht gestört werden, solange er mit Manuel und Naomi verweilte. Sein Telephon hatte für die Zeit seiner Nichterreichbarkeit drei Anrufe zu verzeichnen. Zwei davon stammten von Burke, einer von Radouk. Es war schon völlig dunkel, und die sengende Hitze des Tages war einer angenehm kühleren, nur noch lauwarmen Luft gewichen. Es ging auf neun Uhr zu. Marc meldete sich zuerst bei Burke.

Du schuldest mir eine Erklärung”, setzte der Kriminalbeamte bärbeißig und ohne jegliche Einleitung an. „Das Mädchen wurde wirklich vergewaltigt. Und zwar, wie es scheint, äußerst brutal. An ihrem Körper finden sich Striemen. Und Bißspuren.”

Marc hörte schaudernd zu.

Die Todesursache?”

Es gibt noch kein Sektionsprotokoll. Wo denkst du hin?” Burke schien immer noch nachtragend. „Aber sie haben ihr einfach das Genick gebrochen. Das kann mit Absicht, aber vielleicht auch als eigentlich unbeabsichtigte, bloße Nebenfolge des widerwärtigen, heftigen Aktes erfolgt sein. Ich gehe eher von letzterem aus.”

Der Meinung war auch Marc. Diese Bande war nicht auf Kindermord spezialisiert. Eine feine Gesellschaft – wahrscheinlich benutzen sie die entführten Kinder nur einmal und trennen sich dann von ihnen. Dieser Vorfall wird daher wohl eine krasse Ausnahme, ein unglücklicher Unfall gewesen sein. Mit irgendeinem Kunden werden die Pferde durchgegangen sein. Marc ballte seine Hände zur Faust.

Hat das Kind etwas verabreicht bekommen? War es betäubt?”

Wie ich schon sagte – wir haben noch kein Sektionsergebnis!”, antwortete Burke verärgert. „Unser Kenntnisstand in dieser Sache tendiert im Moment noch gen Null.”

Hast du schon mit Radouk gesprochen?”

Klar. Als feststand, daß es sich nicht nur um bloße Gewaltanwendung handelt, habe ich ihn angerufen. Zwanzig Minuten später war er schon vor Ort.” Er hielt kurz inne. „Er hat erwähnt, daß du ihn besucht hast. Und daß er mit dir sprechen müsse.” Der Leutnant sagte nichts. „Marc, magst du mir nicht etwas sagen?”

Ich kann noch nicht, Ed”, antwortete Marc aufrichtig.

Du weißt, daß es deine Pflicht wäre...”, begann Burke, doch Marc unterbrach ihn.

Ed, es kann sein, daß ich da auf etwas gestoßen bin. Aber es ist noch nichts spruchreif. Es sind noch alles wage Theorien, OK? Sobald ich etwas weiß, sage ich es dir.”

Es wäre mir lieber, wenn wir diese vagen Theorien zu zweit aufstellen könnten”, sagte Burke. Er schaute ihn mit einem besorgten Blick an. „Oder vielleicht zu dritt, mit Radoukk. So wäre es doch fair, oder?”

Marc wußte, daß er recht hatte. Aber er konnte es nicht tun – der Hauptmann hatte ihn um äußerste Diskretion gebeten. Und solange er keine handfesten Beweise in der Hand hielt, würde er sich daran halten müssen.


Veröffentlicht als: Peter Shark

Aus dem Ungarischen von: P. Gaal